Auf dem Jubiläumsgrat von der Zugspitze zur Alpspitze

Der Jubiläumsgrat ist sicherlich einer der meist diskutierten Gebirgstouren. Und doch fand ich bei meinen Vorbereitungen zu seiner Begehung zunächst sehr wenige aussagekräftige, da oft widersprüchliche Informationen im Internet, so dass ich mit dieser Seite recht aktuell gemachte Erfahrungen berichten möchte.

Der Jubiläumsgrat ist wohl die grösste Herausforderung des Wettersteingebirges. Es sei denn, man plante willkürlich ohne markierten Weg durch die Wände zu klettern. Diese große Herausforderung ist er aber nicht von ungefähr und so muss der “Jubigrat” als sehr schwierig eingestuft werden, der auch nur vom geübten und ausdauernden Bergsteiger bei gutem Wetter bestiegen werden sollte.

Von der Zugspitze bis zur Alpspitze samt Abstieg sind für die 6-7 km gut 9 bis 10 Stunden einzuplanen.

Ausgangsort für diese Tour könnte sinnvollerweise Hammersbach sein. Von dort kann man entweder mit der erstmöglichen Verbindung mit der Zugspitzbahn zum Eibsee fahren, dort umsteigen und mit der Eibseeseilbahn zum Gipfel gondeln (24 Euro). Oder man nimmt sich insgesamt zwei Tage Zeit und steigt am ersten Tag über die Höllentalklamm (2,50 Euro, für DAV-Mitglieder 1,50 Euro), an der Höllentalangerhütte vorbei durch das Höllental hinauf zur Zugspitze, um dort im Münchenr Haus zu übernachten, um am zweiten Tag den Jubigrat zu bestreiten. Inclusive Sonnenunter- und -aufgang kostet die Übernachtung dort 20 Euro und für DAV-Mitglieder 10 Euro. Ausführliche Informationen über den Aufstieg durch besagtes Höllental findet man beispielsweise unter www.uherzog.de. Egal, ob man nun auf dem höchsten Gipfel Deutschlands schläft oder mit der ersten Gondel hinauf fährt, man sollte in jedem Fall so früh wie möglich seine Tour über den Jubigrat starten. Nicht nur, dass der Weg wirklich recht lange ist, auch die Sicht ist in den Morgenstunden oft klarer als zur Mittagszeit.

Wir selbst machten den grossen Fehler und liefen erst um 10.30 Uhr von der Zugspitze aus los, was uns letztlich in Zeitschwierigkeiten brachte.

Der Weg führt zunächst knapp am Gipfelkreuz vorbei zurück Richtung Höllental. Doch schon nach gut 100m trennen sich die beiden Wege. Richtung Osten geht es nun überwiegend einige hundert Meter bergab. Zwar wirkt hier zunächst alles recht einfach , dennoch sollte man auch schon für diese erste Etappe schwindelfrei sein. Schliesslich handelt es sich beim Jubigrat, wie der Name schon sagt, um eine Gratwanderung. Links und rechts des schmalen Weges geht es oft hunderte Meter in die Tiefe.

Obwohl uns der erste Teil des Weges als der schwierigere beschrieben wurde, kam er uns im Vergleich zur zweiten Tageshälfte wesentlich leichter vor. Trotz dass es kaum eine Drahtseilsicherung im ersten Teil der Strecke gibt, kann dieser von erfahrenen Bergsteigern problemlos durchstiegen werden. Hier ist nicht mal ein Klettersteigset notwendig, zumal sowieso kaum eine Stelle versichert ist. Da scheinen sämtliche Erzählungen über den westlichen Teil des Weges mehr Gerüchte und Mythos als Wahrheit zu sein. Wer aber trotzdem hier schon Probleme bekommt, der sollte unbedingt sofort umdrehen, denn leichter wird der Weg bei Weitem nicht. Im Gegenteil.

Unterwegs bietet sich immer wieder ein lohnender Blick zurück zur Zugspitze und auch hinab ins Höllental, das man vielleicht am Vortag hochgestiegen ist. Wer in den späteren Sommermonaten genau hinsieht, kann deutlich die vielen “Gletscherspalten” des Höllentalferners sehen, weswegen man diesen ab August keinesfalls mehr ohne Steigeisen überqueren sollte.

Nach gut zwei Stunden wägten wir uns in dem Glauben gut in der Zeit zu liegen und machten gemütlich eine längere Pause in der prallen Mittagssonne (siehe Foto). Spätestens jetzt tut sich eine Ahnung auf, warum man in diesen Höhen keinesfalls auf eine Sonnencreme verzichten sollte. Mit Faktor 60 haben wir dabei gute Erfahrungen sammeln dürfen.

Auf 2763 Metern Höhe fühlten wir uns auf dem Dach der Welt. Der Blick vom Grad über einige Gipfel hinweg hinab in die Tiefe bleibt ein erhabenes Gefühl, auch dann, wenn wir nicht auf dem Mount Everst standen. Auch der Blick in den Süden nach Österreich lohnt sich.

Vielleicht kann das folgende Bild einen Eindruck davon vermitteln, wie schwindelfrei man auf dieser Tour wirklich sein muss.

Beim Blick auf die Strecke wird schnell klar, wie wichtig für diese Tour ein stabiles, windstilles Wetter ist. Heftige Windböen könnten einen leicht ins Schwanken bringen und den Berg hinabtreiben. Dies gilt insbesondere dann, wenn man weiss, dass der Grat an wenigen Stellen wirklich nur 15cm breit ist und man letztlich auf einem ganz schmalen Weg balancieren muss. Auch Gewitterwetter kann am eisenhaltigen Grat schnell zu einem Risiko werden.

Glücklicherweise bietet sich bei schlechtem Wetter auf halber Strecke die Möglichkeit für einen Notabstieg über den Brunntalgrat-Steig hinab zur Knorrhütte. Dieser zweigt vom Jubigrat zwischen der Inneren (2741 m) und der Mittleren(2743 m) Höllentalspitze ab. Von dieser Kreuzung zur Knorrhütte wären etwa 80 Minuten einzuplanen. Der Weg wird als leicht und gut gesichert angegeben. Wir selbst sind ihn allerdings nicht gelaufen.

Ab der Mittleren Höllentalspitze kam uns der weitere Weg deutlich schwieriger vor. Vielleicht auch deshalb, weil das beständige Auf und Ab an unseren Kräften zehrte. Hier ist eine ausreichende Ausrüstung (Hüftgurt und Klettersteigset) unbedingt notwendig. Der Fels, den man ja immerzu mit den Händen erfasst fühlt sich hier oben an, als wäre er mit tausenden von kleinen Nadeln und Spitzen übersät. Mit der Zeit werden die Finger dabei ganz schön aufgerieben und rauh. Entlohnt wird man dafür immer wieder mit neuen Blickwinkeln in die verschiedenen Täler und mit immer wieder völlig anders gearteten Streckenabschnitten. Langeweile kommt nie auf.

Schon gar nicht, wenn man seinen Schlafsack den Hang hinunter kullern lässt. Genau so ist es meiner Begleiterin Jule bei einer kleinen Pause passiert. Nicht nur das, sondern sie trifft ausgerechnet in einen Felstrichter mit gut 5m Durchmesser und einer Tiefe von über 20 Metern. Glücklicherweise geht dieser Trichter so nahe an der Aussenwand des Berges entlang, dass sich im unteren Teil ein Durchbruch nach aussen gebildet hat. Mit einer kleinen Extratour konnte also der Schlafsack wieder aus seinem Verliess befreit werden. Zu empfehlen ist dieser Abstieg allerdings nicht, es sei denn, jemand schmeisst mal schnell sein Gepäck dort hinein.

Kurz vor dem Gipfel der Äusseren Höllentalspitze erreichten wir erst gegen 17 Uhr die Höllentalgrat-Hütte. Von ihr aus bietet sich ein herrlicher Blick ins Kirchkar und die Gipfel im benachbarten Österreich. Man nennt diese Notunterkunft auch häufig Biwakschachtel. Sie ist vergleichbar mit einem räderlosen Bauwagen mit einigen Betten drin samt Zudecken und Tisch. Ein Fünf-Sterne-Hotel ist sie jedenfalls nicht, dafür ist sie immer zugänglich. Der Blick in die Hütte machte uns die Entscheidung - nämlich zu bleiben oder den weiteren Weg zu wagen - leicht. Leider gibt es immer wieder Bergsteiger, die ihren Müll zwar den Berg hoch tragen, ihn aber dann nicht mehr mitnehmen wollen. Da wir den Jubigrat zudem völlig unterschätzten machten wir uns also trotz fortgeschrittener Zeit auf den Weg, um die zweite Hälfte der Tour zu bezwingen.

Dies hätte sich als Fehler erweisen können. Wer spät losgelaufen ist, bzw. wer keine eigenen Schlafsäcke mit sich rum trägt oder diesen bereits den Berg hinab geworfen hat (gell Jule!), der sollte in jedem Fall hier übernachten, denn der weitere Weg samt Abstieg benötigt von nun aus noch etwa 5 bis 6 Stunden. Je nachdem ob man die Alpspitze nun wirklich hinauf steigt oder kurz vorher wieder runter wandert.

Vielleicht subjektiv empfunden schien uns die nun folgende Strecke noch anstrengender. Immer wieder geht es über schwierige Stellen steil nach oben, die mit Gepäck auf dem Rücken ohne Seilsicherung kaum zu begehen wären. Wir selbst schätzen manche kurze Strecken auf einen Schwierigkeitsgrad von 4 bis 6, manche Teile davon sind nicht einmal versichert. Daher ist absolute Schwindelfreiheit unbedingt notwendig. Wer auf halber Strecke plötzlich von Nervosität geplagt wird hat schlechte Karten, denn nach der kräftezehrenden ersten Hälfte würde der Weg in beide Richtungen zur Tortour werden.

In jedem Fall wird es ab hier etwas schwieriger seinen Weg zu finden. Bisher war der Weg, entweder als Grat oder mit roten Markierungen problemlos aufzufinden. Ab der Biwakschachtel fällt es einem manchmal etwas schwerer seinen Weg zu finden, zumal man nun nicht unentwegt auf der obersten Kante geht, sondern immer wieder kleinere Gipfel umklettert. Dies trägt etwas zur Verwirrung bei.

Nach der Äusseren Höllentalspitze (2720 m) sieht man nun schon von weitem den Hochblassen. Wir befürchteten hier, am Ende unserer Kräfte, ihn auch noch besteigen zu müssen, doch der Weg spart den Gipfel aus. Über etwas Geröll führt der Pfad nach der Vollkarspitze (2630 m) im oberen Teil des Mathaisenkar um den Hochblassen herum zur grossen Scharte. Gegen 20 Uhr befanden wir uns dann am Fusse des Hochblassen auf der grossen Scharte und blickten hinüber auf die Alpspitze (Bild)

Von hier aus sollte unser Weg zunächst über einen leichten Abstieg hinüber auf die Alpspitze führen. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit (das Bild zeigt bereits den Sonnenuntergang im Rücken) entschieden wir uns für den sofortigen Abstieg zur Höllentalangerhütte. Den grün markierten Grat sind wir also dann doch nicht mehr gelaufen. Für den Weg zum Alpspitzgipfel dürfen ungefähr 45 Minuten gerechnet werden, so zumindest berichtete uns ein Ehepaar, das wir auf dem Jubigrat getroffen haben. Zwischen Hochblassen und Alpspitze bieten sich zwei Abstiegsmöglichkeiten. Ein Weg führt nach rechts durchs Grieskar ins Tal, der andere nach links durchs Mathaisenkar zur Höllentalangerhütte.

Die Abzweigung ist nicht zu übersehen. Ich erwähne es deshalb, weil wir eine ganze Zeit lang glaubten, sie bereits übersehen zu haben. Sie befindet sich genau dort, wo im Bild die rote Markierung zur grünen wird. Von hier aus sind gut 2,5 Stunden für den Abstieg zur Hütte einzuplanen. Diese Zeit stand uns allerdings nicht mehr zur Verfügung. Gegen 21 Uhr wurde es so dunkel, dass wir den weiteren Weg mit Taschenlampe hinab stiegen. Dafür ist der Weg sehr gut markiert und sogar in der Dunkelheit noch zu finden. Ausserdem ist der grösste Teil des Weges mit Stahlseilsicherung versehen. Der Abstieg läuft daher problemlos.

Kurz bevor das Gras wieder zu wachsen beginnt legten wir uns dann - am Ende unserer Kräfte - unter einen riesigen Stein schlafen, der uns vor Wetter und Steinschlag schützte (ca. 1850 m). Erst jetzt wurde uns bewusst, wie notwendig es war, Jules Schlafsack wieder aus dem Golfloch geholt zu haben, denn die Nacht wurde bitterkalt.

Der weitere Abstieg am nächsten Tag zur Höllentalangerhütte (1379 m) war eine angenehme Kleinigkeit. Er führt relativ gut markiert durch Wiesen, Busch und Strauch, über Würzeln und durch Wälder. Trotz der perfekten Markierung schafften wir es, uns noch einmal zu verlaufen und unseren ureigenen Abstiegsweg zu finden.

Von der Höllentalangerhütte führt der Weg durch die faszinierende Höllentalklamm (2,50 Euro, bzw. 1,50 Euro für DAV-Mitglieder) entlang tosender Wasserfälle zurück nach Hammersbach und damit zum empfohlenen Ausgangspunkt der Tour. Wer sein Auto dort geparkt hat darf es wieder in Empfang nehmen.

Angst um sein Auto braucht man offenbar nicht zu haben. Bei fast allen meinen Touren durch das Wettersteingebirge habe ich dort geparkt und bin noch nie enttäuscht worden. Schön, dass das Parken dort auch umsonst ist.

 

Zusammenfassung:
Der Jubiläumsgrat wird von uns als sehr anspruchsvoller und zugleich abwechslungsreicher Weg empfunden, der auf keinen Fall mit Kinder begangen werden sollte. Erst recht ist er nichts für Anfänger. Für ungeübte kann sich bei diesem Weg auch schnell Angst und Unbehagen lösen, insbesondere dann, wenn man, wie wir, in die Situation kommt, in der man mit Gewissheit sagen kann, dass man den Abstieg nicht mehr schafft. Dann sind harte Nerven gefragt.

Der Weg führt über eine Länge von 6 - 7 km mit ständigen Auf- und Abstiegen und bedarf einer Zeit von 9 - 10 Stunden. Begangen werden sollte er nur bei einigermassen stabilem Wetter. In der ersten Hälfte ist der Weg sehr gut mit roten Punkten oder Strichen markiert, im Zweifelsfall geht man einfach auf der obersten Bergkante. Ab der Biwakschachtel verlässt man häufig den Grat und vermisst dann auch gelegentlich die Markierungen, was für kleinere Unsicherheiten sorgt. Der Abstieg von der Alpspitze ins Höllental ist allerdings perfekt markiert und gesichert. Im felsigen Gelände gibt es beim Abstieg fast pausenlos eine Drahtseilsicherung.